Balkan Express

Unterwegs im ehemaligen Jugoslawien. Ein Reisebericht.

Der Zug von Wien nach Belgrad bietet einen ersten Vorgeschmack, was unsere Reise bringen wird. Teppich an der Decke des Waggons, an Wohnzimmerfauteuils erinnernde Sitze versprühen Gemütlichkeit, zeugen aber auch davon, dass die serbische Bahn schon seit längerem keine Investitionen mehr in die Ausstattung ihrer Züge getätigt hat. Zwölf Stunden Zugfahrt stehen uns bevor, und spätestens als wir durch die Ebene der Vojvodina fahren, wissen wir warum man für diese Strecke so lange braucht. Der Zug tuckelt äußerst gemächlich dahin, vorbei an kleinen Ortschaften, Feldern und verlassenen Fabriken.

Belgrad

In der Abenddämmerung kommen wir endlich in Belgrad an. Der Bahnhof lässt nicht vermuten, dass wir in der Hauptstadt sind, sondern erinnert eher an eine verschlafene Kleinstadt in der Provinz.
Als wir eine Fahrkarte für die Weiterfahrt nach Montenegro kaufen wollen, eine ernüchternde Information: Es gibt keine Tickets mehr, aber vielleicht werden am nächsten Tag noch zusätzliche Waggons zur Verfügung gestellt. Wir sollen um 9 Uhr noch einmal kommen…
Die Suche nach unserer Unterkunft führt uns an einem Park vorbei, in dem Hunderte Refugees unter freiem Himmel übernachten. Sie sind hier gestrandet und warten auf eine Gelegenheit Richtung Westeuropa weiterreisen zu können.
Wir haben ganz in der Nähe unser Zimmer. Der Vermieter lässt keinen Zweifel aufkommen, dass am Balkan Gastfreundschaft groß geschrieben wird. Tee und Wassermelone mit Honig werden uns aufgetischt, dann schenkt unser Gastgeber auch noch selbstgebrannten Rakija ein – nicht den harten, sondern den „for children and tourists“. Wir sind angekommen. Amüsiert knipst er ein Foto, weil wir es uns auf dem Sofa sichtlich gemütlich gemacht haben.

Am nächsten Tag wollen wir einen ersten Eindruck von Belgrad bekommen. Wir sind zum ersten Mal in der Stadt, zum Auftakt geht es zum Obst- und Gemüsemarkt im Grätzl. Paprika, fleischige Tomaten, Feigen, wohin das Auge blickt. Die gelben kugeligen Melonen heißen hier Ananas. Am hinteren Eingang zum Markt sitzen ältere Frauen, die selbstgemachten Mohn- und Kirschenstrudel verkaufen. So haben wir uns den Balkan vorgestellt!

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Mit unseren Einkäufen ziehen wir weiter zur alten Festungsanlage, dem Kalemegdan. Von unserem gemütlichen Platz am Fuße der Festungsmauer schauen wir genau auf die Stelle, wo Donau und Save zusammenfließen. Im Fluss liegt ein schwimmendes Lokal neben dem anderen. Doch wir wollen weiter zum Grab von Genosse Tito im Haus der Blumen. Auch 25 Jahre nach dem Jugoslawien-Krieg ist hier der Mythos rund um den einstigen PartisanInnenführer und Staatschef noch immer spürbar. Wie war das doch mit Adriana Altaras Film „Titos Brille“?
Zurück im Stadtzentrum genießen wir gute Balkanküche. Die verlockende Nachspeise war zweifelsohne eins zu viel. Die restliche Zeit verzichten wir auf Sightseeing und chillen in einem Park nahe der Khlez Mihailova. 19:37 Uhr? Omg, gleich geht unser Zug. Mit vollem Bauch und schwerem Rucksack keuchen wir hektisch zum Bahnhof.
Bei Sonnenuntergang geht es raus aus der Stadt. Unser nächstes Ziel lautet Kolasin, ein Wintersportort in den montenegrinischen Bergen. Doch die Reise dorthin ist kein Zuckerschlecken. Kurz vor der Grenze dürfte das Schienennetz kaputt sein, auf uns wartet eine nächtliche Busfahrt zwischendurch. Den Schlafwagen – man leistet sich ja sonst nichts – werden wir wohl nur unzureichend genießen können.
„Hör ich da Deutsch?“, ein junger Mann spricht uns an. Der Techniker, der in München arbeitet, ist Richtung seiner alten Heimat Montenegro unterwegs. Der witzige Kerl zeichnet ein düsteres Bild von seinem Land: Wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, schlechte Infrastruktur Drogenhandel für den europäischen Markt, korrupte PolitikerInnen, Mafia. Apropos. Er ahmt mit seinen Handflächen Dumbo-Ohren nach und fragt uns, wie es möglich ist, dass in Österreich dieser Kurz mit 27 Jahren Minister werden konnte? Welche Mafia hat da die Hände im Spiel gehabt? Wir grinsen.

Kolasin

Nach einem kurzen Nickerchen müssen wir gegen zwei Uhr Früh wieder raus aus dem Zug. Neben dem kleinen Bahnhofsgebäude stehen bereits die Busse bereit. Samt Gepäck quetschen wir uns hinein. Die Busse Baujahr 1970 scheinen für Ausflugsfahrten von Volksschulkindern gebaut zu sein. Hinter uns versucht ein Vater mit Brummstimme seine beiden kleinen Töchter wachzuhalten. Vorne dröhnt Musik. Selig wer da weiterschlafen kann. Nach rund zwei Stunden inklusive Stau vor der Grenzkontrolle heißt es wieder umsteigen, der Schienenersatzverkehr hat seinen Dienst geleistet. Es geht weiter mit dem Zug durch die Berge Nordmontenegros.
In unserem nächsten Ziel, Kolasin, wurde wohl am Bahnsteig gespart. Oder lediglich mit Kurzzügen gerechnet? Unser Wagon befindet sich ganz am Ende des langen Zuges, wir werden ein schönes Stück entfernt vom Bahnhof rausgelassen und stolpern unausgeschlafen über Steinbett und Gleise Richtung Stationsgebäude. Wir sind dabei offenbar die einzigen, alle anderen fahren weiter bis Podgorica oder direkt bis zum Meer. Es ist früh am Morgen, und die grauen Wolken liegen wie eine Bettdecke über dem kleinen, verschlafenen Städtchen inmitten der Berge.
Kolasin war eine Hochburg der PartisanInnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Das große Denkmal auf dem Hauptplatz, eine Gedenktafel mit Hammer und Sichel sowie einige Straßenbezeichnungen (Palih partisanzki) erinnern heute noch daran. Wir sind aber noch zu angeschlagen von der nächtlichen Reise und wärmen uns in einem Café auf, das gerade aufgesperrt hat. Gut zwei Stunden später sind wir endlich bereit weiterzuziehen. Die Straßen sind mittlerweile zu Leben erwacht. Wir folgen dem Duft von frisch gebackenem Brot, der in unsere Nase zieht und stoßen auf den Bauernmarkt. So schnell können wir gar nicht schauen, schon werden uns Kajmak und der blättrige Käse aus der Region zum Kosten angeboten. Etwas weiter wiegt ein alter Mann die zwei Birnen, die wir ausgesucht haben, ab, überlegt kurz und verlangt dann 1 Euro – wohl der klassische Touristenpreis? Als er hört, dass wir Italienisch sprechen, gibt er mit erhobener Faust „Bandiera Rossa“ zum Besten. Ein guter Start…
Dann geht es mit dem Taxi rauf in die Berge zum Eko Village Vranjak. 20 Euro erscheinen uns anfangs etwas viel, aber die Strecke vorbei an Liftanlagen führt uns bald mal auf eigentlich unbefahrbare Waldwege. Eine Serpentine folgt auf die nächste, als plötzlich die ersten Kühe am Waldrand liegen. Oben angekommen erstreckt sich eine nebelverhangene Landschaft, die an Fantasyfilme erinnern lässt: Wolken über den satten Almwiesen, Almrausch und Heidelbeeren en masse, in einer Mulde die kleinen Holzhüttchen des Eko Villages. Die nächsten beiden Tage werden wir hier oben verbringen. Unser Häuschen ist wirklich winzig, aber umso kuscheliger. Menschen mit mehr Distanzbedürfnis sollten rechtzeitig buchen und eine der größeren Hütten reservieren.

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Nach einem kurzen Nickerchen erkunden wir die nähere Umgebung, sehen Welpen beim Spielen zu und entdecken eine Herde von Pferden samt Fohlen. Ein kleiner Felsen inmitten der Almwiese ist ein guter Ort für eine Jause. Ein Rappe sieht das ebenso und überbietet uns in Sachen Neugierde. Er kommt näher. Vor allem die Birne erweckt sein Interesse und lässt ihn jede Scheu überwinden. Seine Botschaft ist eindeutig: „Birne her, oder ihr kommt hier nicht mehr weg!“ Wir entscheiden uns, die Birne aufzugeben und machen dafür ganz viele Nahaufnahmen von und mit den Pferden. Für spätere Facebook-Likes scheuen wir kein Risiko!

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Das Abendessen lässt den Mangel an Komfort völlig vergessen. Eine deftige Suppe, gefüllte Paprika und zur Nachspeise ein flaumiger Strudel – ich muss an meine Oma denken.
Am nächsten Tag streichen wir nach dem ausgiebigen Frühstück mit mit Ei paniertem Brot und Zwetschkenröster unseren Plan von einer Wanderung im Canyon Mrtvica, die umliegenden Berge laden zum Wandern ein. Satte Wiesen, Heidelbeersträucher so weit das Auge reicht, schroffe Felswände, mal glühende Sonne, dann wieder Nebelwände, die an uns vorüberziehen, Bergseen, Latschengürtel – die Bjelasica bietet alles, was man von einer wilden Berglandschaft erwarten kann. Auf dem Weg zur Crna Glava (2139 Meter) kommt uns eine riesige Schafherde entgegen. Ein kleines Lämmchen, das noch ganz wackelig auf den Beinen steht, verliert den Anschluss und muss von uns geknuddelt werden. Nach dieser kleinen Kuscheleinheit der Gipfelsturm mit Eintrag ins Gipfelbuch. Gipfelkreuz ist hier nicht üblich.

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Auf dem Retourweg lernen wir deutsche Touris kennen, die sich bei einer kleinen Hütte selbst eingeladen haben, wo eine Familie Wurzeln für die Schnapsproduktion zubereitet. Wir bekommen Mokka angeboten. Als wir ein paar Euro dalassen, wird sofort der Geschäftssinn der Bäuerin angestachelt und wir bekommen noch einen Becher frischer Heidelbeeren mit auf den Weg. So müssen wir uns wenigstens nicht mehr selber bücken. Nicht nur die Sonne brennt: Eigentlich war ich gut eingeschmiert, aber beim Hals und auf den Unterschenkeln hab ich dann doch ein paar Stellen ausgelassen. Mein Körper ist ein farblicher Fleckerlteppich und zeugt von den unterschiedlichen Aktivitäten dieses Sommers.

Ans Meer

Wehmütig verlassen wir nach zwei Tagen die Berge rund um Kolasin. Mit dem Zug geht es über lange Brücken und unzählige Tunnel durch die immer kargere Bergwelt Richtung Podgorica. Beim Aussteigen knallt uns die Hitze ins Gesicht. Am Bahnhof warten viele in Strandkleidung auf die Weiterfahrt Richtung Bar. Wir sind endlich in Südeuropa bei Sonne, Strand und Meer! Und nach drei weiteren Stunden in Petrovac. Der Reiseführer warnte vor Massentourismus. Aufgrund seiner zentralen Lage haben wir den Ort trotzdem als unseren Ausgangspunkt für die verbleibenden Tage an der Küste gewählt. In Wahrheit ist der touristische Trubel aber überschaubar, Petrovac hat durchaus Flair. Nur das offenbar stillgelegte Mega-Hotelbauprojekt in Strandnähe trübt mit seiner staubigen Baustellenatmosphäre den sonst recht idyllischen Blick auf die Strandpromenade des kleinen Städtchens. Sonst das übliche Angebot etwas lebendigerer Urlaubsorte: Souvenirläden, Restaurants, Eisgeschäfte und junge Frauen, die PassantInnen für Bootsausflüge zu entlegenen Buchten anwerben wollen – für Unterhaltung ist hier gesorgt. Der etwas versteckte Markt in der Parallelstraße zur Uferpromenade schenkt uns wieder einen Hauch von echter Balkanatmosphäre. Nach einem erfolgreichen Quiztrinken diverser Fruchtweine wanken wir mit einer Flasche Rotwein, einem Granatapfelwein und ein paar Tipps bezüglich Körpersprache gut gelaunt nach Hause.
Zum Frühstück decken wir uns mit Süßem und Saurem aus der nahen Bäckerei ein. Was wäre ein Balkanurlaub ohne Slanci, Burek und Krofna? Unsere NachbarInnen, mit denen wir uns eine Terrasse teilen, mögen es deftiger. Eier, Wurst und Omelette mit Speck verbreiten ihren verführerischen Duft.
Fixpunkt in unserem Reiseplan ist ein Abstecher in den albanischen Teil Montenegros. In Ulcinj herrscht Leben auf den Straßen. Frauen in knappen Bikinis spazieren hier neben solchen in traditioneller muslimischer Kleidung auf der Promenade, und an jeder Ecke bettelnde Kinder. Vor den Strandcafés hängen die Halbstarken ab und warten darauf im „Big Ben“ auf Aufriss gehen zu können. Wir landen nach dem Bummel durch die Altstadt vorbei an Moscheen und der alten Festungsanlage in einem albanischen Restaurant und lassen uns typische Speisen aus dem Kosovo auftischen, die nicht auf der Speisekarte stehen. Mangelnde Experimentierfreudigkeit kann man uns nicht vorwerfen.

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Am nächsten Tag checken wir uns ein Mietauto. Kostet genauso viel wie einer der angebotenen Ausflüge mit dem Bus, bietet aber mehr Flexibilität. Genau das Richtige für unseren Trip zum Skutari-See. Statt dem Tunnel nehmen wir die kurvenreiche Straße über die Berge. Der Ausblick gibt uns Recht. Ich komm mir vor wie in einem Film mit Peter Kraus und Conni Fröbes. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Virpazar, wo ein martialisches PartisanInnendenkmal über dem Hafen prangt, geht es auf die Klösterstraße. Die enge, kurvige Route entlang der Steilküste erfordert Konzentration; die vielen Verkaufsstände, an denen alte Frauen und Männer lokale Weine, Schnaps und Honig verkaufen, Disziplin, um nicht dem Kaufrausch zu verfallen. Der See kommt uns vor wie ein von Bergen gesäumtes Meer. Das türkisfarbene Wasser verspricht Abkühlung und lässt uns bei Murici die steile Abfahrt zum Seeufer wagen. Vielleicht geht sich doch noch ein Ganzkörpersonnenbrand aus!? Doch die Zeit ist zu kurz. Wir wollen vor Sonnenuntergang noch zurück in Virpazar sein. Ein guter Plan, wäre da nicht dieses Mini-Restaurant – im Grunde ein Wohnhäuschen mit Garten – am Kamm, an dem wir unmöglich vorbeifahren können. Zu essen gibt es eigentlich nur Fisch aus dem Skutari-See samt Beilagen, dazu Rotwein aus eigener Produktion, auf Nachfrage auch Weißen. Kulinarisch gönnen wir es uns diesen Urlaub voll, selbst als VegetarierIn ist das Überleben in den schwarzen Bergen sichergestellt. Der Wein rinnt gut hinunter, und wir bleiben doch länger picken als geplant.

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Bis zum Mittag des nächsten Tages haben wir noch das Auto. Das muss genutzt werden, und wir machen eine Spritztour nach Budva. Das ist Massentourismus pur. Ich stecke noch einmal die Zehen ins Meer. Kann doch nicht wahr sein, dass der Urlaub schon wieder vorbei ist?!
Zurück in Petrovac verabschiedet uns unser Vermieter mit Rakija. Männer bekommen hier die doppelte Menge. Ich kann nicht Nein sagen und spüre wie sich mein Magen gegen das Hochprozentige wehrt. Vergebens. Ich wanke mit meinem Rucksack bepackt zum Busbahnhof und hoffe den Alkohol schnell wieder rauszuschwitzen.
Mit dem Bus geht es nun nach Dubrovnik. Ein Ausflug in die Bucht von Kotor war in der Woche nicht mehr unterzukriegen, aber vom Bus aus sehen wir die Perlen dieser Bucht schön nacheinander aufgereiht. Ich will nach Perast, ich versteh jetzt, warum das ein Geheimtipp für RomantikerInnen sein soll. Hinter jeder Kurve ein neues Plätzchen, wo ich am liebsten schwimmen gehen möchte. Warum ist der Urlaub in Montenegro schon aus?
Zum Abschluss verbringen wir eine Nacht in Dubrovnik. Die Altstadt bietet das Kontrastprogramm zu allem, was wir bisher auf dieser kurzen Reise gesehen haben. Innerhalb der Stadtmauern wurde eine wunderschöne Museumsstadt konserviert, die den einstigen Reichtum der Republik Ragusa zur Schau stellt und wo sich auch heute die „Schönen und Reichen“ gern ein Stelldichein geben. Doch auch die normalen TouristInnen, die nicht mit ihrer Yacht im Hafen liegen, bemühen sich gemäß dem Ambiente um ein adrettes Äußeres. Selbst die betrunkenen Horden an jungen, britischen Frauen, die aus dem Bus Richtung Festung torkeln, wirken noch herausgeputzt. Wir gönnen uns auch ein wenig Luxus und kaufen nach dem Restaurantbesuch im Piratengumminaschladen mit dem überdimensionalen Gummizeugs groß ein. Abseits der überfüllten Flaniermeilen finden wir in den etwas höher gelegenen Gassen sogar noch wunderbare, ruhige Ecken. Ich fühle mich an Venedig erinnert, man muss diese Stadt gesehen haben, man muss sie schön finden, aber man muss sie nicht lieben.

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Die Nacht ist kurz. Am nächsten Morgen noch ein kurzer Sprung in die Bäckerei im Grätzl, und dann trennen sich am Kreisverkehr unsere Wege.

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