Unsichtbare Arbeit

Beim beliebten Radieschenfest in Hall (Tirol) gab es auch heuer gutes Essen, Blasmusik und Trachtenumzug. Während sich die Tiroler Gemüsebauern gut in Szene setzten, stellte ich mir die Frage, wer diese ganzen Radieschen wirklich erntet.

Radieschenfest_web

Bei wunderbarem Wetter zog es vergangenen Samstag auch mich in den historischen Stadtkern der geschichtsträchtigen Stadt, die durch den Salzbergbau und als Münzstätte zu großem Reichtum gelangte. Der einstige Wohlstand ist noch immer sichtbar in Form prachtvoller Häuser und repräsentativer Gebäude. Tausende Besucherinnen und Besucher hatten auch heuer die Plätze und Gassen der Altstadt gefüllt. Am Oberen Stadtplatz war bereits „Österreichs größtes Radieschenbrot“ vorbereitet. Dicht gedrängt standen die ZuschauerInnen im Spalier, als plötzlich Blasmusik zu vernehmen war. Der Umzug der Thaurer Bauern wurde von der Musikkapelle ihres Ortes eröffnet, dahinter der bäuerliche Nachwuchs mit Spielzeugtraktoren und kleinen Anhängern voll gefüllt mit Radieschen, dann die Radieschenprinzessin im Dirndl neben dem Obmann der Bauern aus dem Nachbarort Thaur, deren Gemüsefelder sich im Inntal erstrecken. Darauf folgten mehrere Bauern ebenfalls in Tracht, die Schubkarren voll mit der roten Frühlingsknolle vor sich herschieben. So stellt man sich den stolzen Tiroler Bauernstand vor: arbeitsam und traditionsbewusst.

Die offizielle Eröffnung des Fests durch die Bürgermeisterin und die alte und neue grüne Landeshauptmann-Stellvertreterin Frau Felipe, ebenfalls im Dirndl, wurde zu einer einzigen Lobrede auf die Thaurer Gemüsebauern, deren Fleiß von den anwesenden PolitikerInnen in höchsten Tönen gepriesen wurde. Bald schon war „Österreichs größtes Radieschenbrot“ verputzt und vor den Essens- und Verkaufsständen bildeten sich lange Schlangen. Und die Kronen-Zeitung als Medienpartner des Fests setzte in der Sonntags-Ausgabe am Titelblatt das Haller Radieschenfest ins schönste Licht.

Das Radieschen hat sich ein Fest in der Tat verdient, aber gewiss nicht so viel Scheinheiligkeit. Und ob sich die Thaurer Gemüsebauern die vielen schönen Worte verdient haben, steht auf einem gänzlich anderen Blatt. Tags zuvor waren wir zwischen Absam und Thaur unterwegs. Noch um 18.30 Uhr standen auf mehreren Feldern Lastwagen und rundherum schufteten die ErntearbeiterInnen. Die ganze Woche wurden schon Radieschen geerntet. Die ArbeiterInnen, die alle aus Osteuropa oder vom Balkan kommen, standen bei jedem Wetter auf den Feldern und leisteten Akkordarbeit. Die flexiblen Arbeitszeiten von 12 oder mehr Stunden täglich, die die schwarz-blaue Regierung ermöglichen will, sind hier schon längst Realität. Wer glaubt schon, dass diese ArbeiterInnen freiwillig solange am Feld sind? Wer sie sieht, kann sofort erahnen, wie anstrengend diese Arbeit ist. Beim Haller Radieschenfest waren sie, die im Frühling und Sommer zu Dutzenden hier arbeiten, nicht zu sehen. Sie passen nicht in das Bild, das die Großbauern von der heimischen Landwirtschaft zeichnen wollen. Und die Politik und die bürgerlichen Medien haben auch kein Interesse, die tatsächlichen Verhältnisse auf Tirols Feldern aufzudecken. Zu sehr sind sie mit den Großbauern verbandelt. So werden die Arbeitsbedingungen der ErntearbeiterInnen tunlichst totgeschwiegen.

Thaur Erntearbeiter_web

Die geduldige Arbeit der Sezonieri-Kampagne führt aber dazu, dass die Ausbeutung in der Tiroler Landwirtschaft immer sichtbarer gemacht wird. Immer öfters trauen sich Erntearbeiter angesichts der unmenschlichen Bedingungen „Nein“ zu sagen. Wir werden auch heuer auf den Feldern die ErntearbeiterInnen mit unserem mehrsprachigem Material über ihre Rechte informieren und mittels der Gewerkschaft PRO-GE all jenen zur Seite stehen, die bereit sind sich zu wehren.

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