Leserbrief zu „Mama feiert ihren Eintritt in die Politik“

Ein Leserbrief zu Günther Hallers Artikel zu 100 Jahre Frauenwahlrecht in der „Presse“.

Sehr geehrte Damen und Herren der „Presse-Redaktion“,

Heute vor genau 100 Jahren wurden erstmals Frauen im österreichischen Parlament angelobt. Günther Haller stellt in seinem Artikel in der „Presse am Sonntag“ die These auf, das Frauenwahlrecht sei eine Art Belohnung für den im Ersten Weltkrieg erwiesenen Patriotismus der Frauen gewesen. In der Tat wäre die k.u.k.-Kriegsmaschinerie ohne die „Soldaten des Hinterlandes“, die in der Rüstungsproduktion, bei den Eisenbahnen usw. tätigen Arbeiterinnen, bzw. ohne die Rolle der Frauenvereine bei der Milderung der katastrophalen Versorgungslage unmöglich so lange durchzuhalten gewesen. Auch wenn die im November 1918 neu geschaffene Republik die Einführung des Frauenwahlrechts mit dieser veränderten gesellschaftlichen Rolle der Frau begründete, die wahre Ursache war eine andere.

Die von der Sozialdemokratie geführte Bewegung für das Frauenwahlrecht war ab 1911 mit dem Internationalen Frauentag richtig in Fahrt gekommen. Der Kriegsausbruch unterbrach diesen Prozess zwar, doch der Krieg ging mit der Revolution schwanger. Spätestens die Nachricht vom Sieg der Russischen Revolution gab den Arbeiterinnen von Bruck/Mur bis Wiener Neustadt, von Favoriten bis Ottakring das nötige Selbstbewusstsein, den Kampf für ihre eigenen Rechte mit ganzer Entschlossenheit zu führen. Adelheid Popp sah dadurch die Möglichkeit gekommen, die Wahlrechtsbewegung erneut auf die Tagesordnung zu setzen. Es war der Ausbruch der Revolution Ende Oktober 1918, der diesem Bestreben jegliche Hindernisse aus dem Weg räumte. Das „wurmstichige und staubzerfressene Österreich“ (Adelheid Popp), das den Frauen jegliche Rechte vorenthalten hatte, war Geschichte. Die Arbeiterinnen-Zeitung titelte dann auch: “Die Revolution befreit die Frauen”.

Doch die Arbeit war damit noch nicht getan. Adelheid Popp und die sechs sozialdemokratischen Mitstreiterinnen, die mit ihr ins Parlament einzogen, hatten im Frauenwahlrecht immer nur die Vorbedingung für die endgültige soziale Befreiung der Arbeiterin gesehen.

Mit freundlichen Grüßen

Gernot Trausmuth, Autor von „‘Ich fürchte niemanden‘ – Adelheid Popp und der Kampf für das Frauenwahlrecht“ (https://www.mandelbaum.at/buch.php?id=894&menu=buecher)

Wien, 4.3.2019

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